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Verschlungene
Pfade
von Anne McCullagh Rennie LESEPROBE
»Heute ist es so weit!«, sagte sich Cate Perry begeistert, während sie
sich daranmachte, ihre Lieblingsziege zu melken. Vor lauter Aufregung
hatte sie ein flaues Gefühl im Bauch. Es war ein kühler Julimorgen auf
der Ironbark Station. Obwohl eben erst die Sonne aufging, ging es
bereits hoch her, da die Farmarbeiter alles für den grossen Viehtrieb in
drei Tagen vorbereiteten. Geistesabwesend tätschelte Cate Elsies Flanke,
ihre Gedanken ganz auf den vor ihr liegenden Tag gerichtet. Gestern
Abend hatte ihr Vater ihr endlich die Erlaubnis gegeben, zum ersten Mal
allein die zweisitzige Cessna 150 zu fliegen, die zum Inventar der Farm
gehörte. Endlich würde ihr Traum wahr werden!
Seit Cate im Alter von drei Jahren zum ersten Mal neben ihrem Vater im
Cockpit der Cessna gesessen hatte, sehnte sie sich danach, selbst das
Steuer in der Hand zu halten. Mit zehn hatte sie verkündet, sie werde
noch vor ihrem siebzehnten Geburtstag solo fliegen, und das war auch der
Grund, warum es unbedingt heute sein musste. Ausserdem wollte sie es
ihrem besten Freund Alfredo Cristelli zeigen, der auch auf der Farm
arbeitete, und behauptet hatte, sie würde es sich nicht trauen. Heute
war ihre letzte Chance - morgen war ihr siebzehnter Geburtstag.
Allerdings stand dem Ganzen noch etwas im Weg, nämlich ihre so schöne
wie manipulative Stiefmutter.
Seufzend schob Cate die braune Locke zurück unter das Kopftuch, mit dem
sie ihre wilde Mähne gebändigt hatte. Zum Glück war es ihr gelungen,
sich davonzustehlen, bevor Tahlia einen weiteren Riesenstreit wegen
ihrer Fliegerei vom Zaun brechen konnte. Schliesslich hatte Cate ihrem
Dad hoch und heilig versprochen, dass sich die Szene von gestern Abend
nicht wiederholen würde. In Ermangelung eines besseren Plans wollte Cate
sich deshalb nach dem Melken unbemerkt in die Speisekammer schleichen,
die Milch in den Kühlschrank stellen und sich aus dem Staub machen,
bevor Tahlia aufgestanden war.
Es war Trockenzeit, Winter in Top End, wie dieser Teil des Northern
Territory genannt wurde. Nach der klaren Nacht war es noch recht kühl.
Eine leichte Brise strich durch das dürre, strohgelbe Gras, und der
Himmel, an dem sich die ersten Schäfchenwolken bildeten, war von einem
makellosen Kobaltblau. Ironbark Station war berühmt für seine
wunderschönen, sanftgesichtigen cremefarben bis bräunlichen
Brahman-Rinder. Von der Provinzstadt Katherine aus waren sie mit dem
Flugzeug in einem halben Tag zu erreichen, bis zur nächsten Farm waren
es vierzig Kilometer. Rachel und Ken McCarthy, Cates Grosseltern
mütterlicherseits, hatten die Farm gegründet und das elegante Gehöft mit
seinen kühlen Veranden und dem von fünf riesigen hundertjährigen
Eukalyptusbäumen geschützten kleinen Garten gebaut. Rund um den Hofraum
breiteten Baobabs mit ihren flaschenförmigen Stämmen ihre Äste aus und
spendeten weiteren wohltuenden Schatten. Ein staubiger Pfad schlängelte
sich in ausladenden Kurven, als hätte ein Betrunkener ihn angelegt, an
dem Wellblechhangar vorbei, weiter durch die rote Erde und das Gestrüpp,
und verschwand schliesslich am Horizont.
Cates Zuhause war eine kleine, von geschäftigem Treiben erfüllte Oase,
und sie konnte sich keinen schöneren Ort auf der Welt vorstellen. Vom
nahe gelegenen Busch hörte man das schrille Gelächter der Kookaburras,
und langhalsige Ibisse suchten auf der Koppel neben den Ziegen nach
Futter. Der Duft von Steak und Eiern wehte durch die Morgenluft. Cate
wechselte die Sitzposition, tastete nach dem Zitzenpaar am Bauch der
Ziege und trällerte vor sich hin. Der fröhliche Trubel um sie herum
lenkte sie vorübergehend von ihrem Problem - das darin bestand, Tahlia
zu beschwichtigen - ab.
Cate, das einzige Kind von Brendan und Mary Perry, hatte in ihren ersten
neun Lebensjahren nichts als Liebe und Geborgenheit erfahren. Ihre
Eltern und Grosseltern hatten sie vergöttert und verwöhnt und ihr viele
Freiheiten gelassen, während sie damit beschäftigt waren, Ironbark
Station aufzubauen. Von frühester Kindheit an war Cate ihrem Vater bei
der Arbeit zur Hand gegangen; von ihm hatte sie die Liebe zur Farm mit
ihren Rinderbeständen. Von ihrer Mutter, einer ausgezeichneten Köchin,
hatte Cate nicht nur gelernt, wie man einen Haushalt führt, sondern
auch, worauf es bei der Gartenpflege und der Versorgung der Ziegen
ankommt. Ausserdem hatte Mary eine angenehme Stimme und ermutigte Cate,
die ihr darin nachkam, zum Singen.
So wurden die Liederabende am Lagerfeuer, zu denen ihre Nachbarn oft aus
Hunderten von Kilometern Entfernung einflogen, ein geschätzter
Bestandteil des sozialen Lebens. Es begann mit dem köstlichen Duft von
brutzelnden Steaks und Grillwürsten und dem angeregten Stimmengewirr der
Besucher in der spätnachmittäglichen Luft. Wenn es dunkel wurde, holten
die Gäste ihre Instrumente hervor, und bald hallten die Lieder von Slim
Dusty, SmoKea Dawson, der McKean Sisters und anderer beliebter
australischer Countrymusiker durch die Nacht. Dazwischen wurden aus
voller Kehle australische Volkslieder geschmettert. Brendan schrieb den
Text von »The Road to Gundagai« um, ersetzte »Gundagai« durch
»Ironbark«, und alle stimmten fröhlich ein: »There's a track winding
back to an old-fashioned shack along the road to Ironbark! - Es führt
ein Weg zurück zu einem alten Häuschen an der Strasse nach Ironbark.« Es
dauerte nicht lang, bis das Lied zur Familienhymne wurde.
Diese glückliche und harmonische Zeit hatte sich tief in Cates
Gedächtnis eingeprägt. Doch dann, kurz vor ihrem neunten Geburtstag,
starben Rachel und Ken innerhalb von drei Monaten, und bald darauf wurde
auch Mary krank. Die nächsten anderthalb Jahre musste Cate traurig und
hilflos zusehen, wie ihre Mutter langsam dahinsiechte und wie das
Lächeln aus Brendans Augen verschwand. Trotz aller Beteuerungen ihres
Vaters glaubte sie in ihrer kindlichen Naivität, dass sie schuld an der
Krankheit ihrer Mutter und an seiner Verzweiflung war.
Nach Marys Tod klammerten Cate und Brendan sich aneinander und
versuchten, sich gegenseitig Kraft zu geben, während sie langsam in den
Alltag zurückfanden. Wie sehr
sehnte sich Cate nach der Unbeschwertheit und dem Lachen, die ihre
kleine Familie bis jetzt geprägt hatten. Zwei Jahre später lernte
Brendan bei einem Viehzüchterkongress in den Whitsundays das
atemberaubend schöne Mannequin Tahlia Shotton kennen. Der Glanz kehrte
in seine Augen zurück, seine Schritte federten wieder, und sein Lachen
hallte wie früher in den Mauern von Ironbark Station wider.
Als Brendan die viel jüngere Tahlia zur Frau nahm, war Cate fest
entschlossen, mit ihrer neuen Stiefmutter zurechtzukommen, koste es, was
es wolle. Deshalb belastete sie der gestrige Streit sehr, und sie hatte
ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil sie die Milch unbemerkt
wegstellen und sich aus dem Staub machen wollte, bevor Tahlia
Gelegenheit hatte, ihr weitere Arbeiten aufzutragen.
Heute. Nur heute. Ich mache es wiedergut bei Dad und auch bei Tahlia,
sagte sie sich.
Bei der gestrigen Debatte war es nämlich um Cates Mithilfe im Haushalt
gegangen. Immer wieder fand Tahlia einen Weg, Cate Schuldgefühle
einzuimpfen und stets hackte sie auf ihren Fehlern herum. Cate räumte
zwar ein, dass sie manchmal recht eigensinnig sein konnte, empfand die
ständigen Klagen jedoch als ausgesprochen ungerecht. Mit der Hitze ihrer
Jugend hatte sie deshalb laut protestiert, woraufhin Tahlia das Ganze zu
einer dramatischen Szene genutzt hatte. Von Schluchzern geschüttelt,
hatte sie behauptet, Cate hasse sie und lasse sie alle Arbeit allein
machen. Dann hatte sie sich Brendan weinend in die Arme geworfen.
Beinahe wäre Cate die Erlaubnis, heute allein zu fliegen, wieder los
gewesen. Nur durch inständiges Bitten und Betteln und den Schwur, Tahlia
nie wieder gegen sich aufzubringen, hatte Cate Brendan erweichen können.
Allerdings war es ziemlich knapp ausgegangen.
Wie auf ein Stichwort war jetzt plötzlich vom Haus her Tahlias Stimme zu
hören. »Cate! Beeil dich mit den Ziegen. Du musst mir helfen, die
Wohnzimmervorhänge abzunehmen, damit sie gewaschen werden können. Heute
machen wir Frühjahrsputz.« Sie war ungewöhnlich früh auf den Beinen und
schien sich von ihrem gestrigen Weinkrampf erholt zu haben.
Cate brach mitten im Lied ab, und ihr Griff um die Zitze der Ziege wurde
unwillkürlich fester, sodass das Tier nach ihr austrat. »Ruhig, Elsie«,
sagte sie und rückte den Milcheimer zurecht.
»Cate! Bist du taub?«, rief Tahlia ungeduldig.
»Ich komme!«, antwortete Cate bemüht freundlich. »Blöde Kuh, warum kann
sie nicht so lange schlafen wie sonst auch?«, fügte sie leise hinzu. Sie
zwang sich zur Gelassenheit. Schliesslich hatte sie ihrem Dad
versprochen, Tahlia zu unterstützen. Mit einem Wutausbruch war also
niemandem gedient.
Cate war ein hübsches Mädchen. Sie hatte breite Schultern, war für ihr
Alter ziemlich muskulös und hatte grosse blaue Augen, volle Lippen und
eine leicht sonnengebräunte Haut, die ihrem markanten Gesicht eine
aparte Schönheit verliehen. Allerdings wirkte sie mit ihrer
kastanienbraunen Lockenmähne heute eher wie ein gereiztes Wildpferd als
wie eine gut aussehende junge Frau. Sie war angespannt und fürchtete
sich mehr vor dem heutigen Flug, als sie es sich selbst eingestehen
wollte.
© Verlagsgruppe Weltbild
Übersetzung: Karin Dufner
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