Anne McCullagh Rennie

'Inspiring, uplifting, internationally best-selling author'

Verschlungene Pfade

 

  2008, 1, 447 Seiten, Masse: 14,2 x 21,8 cm, Geb. mit Su.
Weltbild
ISBN-10: 3898979121
ISBN-13: 9783898979122
Findet sie ihr Glück im rauen Outback Australiens?
 

Cate geht als Sängerin in die USA. Aber die grosse Sehnsucht nach ihrer Heimat und nach Alf, ihrer grossen, unerfüllten Liebe zieht sie zurück ins australische Outback. Doch erst muss Cate verschlungene Wege gehen, bevor sie das Glück findet.

Anne McCullagh Rennie zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Australiens. "Verschlungene Pfade" ist ihr fünfter Roman, über den die Womens Weekly schreibt: "Temporeich, lebendig und bewegend."

Leseprobe  
Büche

 

 

 

 

Verschlungene Pfade von Anne McCullagh Rennie   LESEPROBE    

»Heute ist es so weit!«, sagte sich Cate Perry begeistert, während sie sich daranmachte, ihre Lieblingsziege zu melken. Vor lauter Aufregung hatte sie ein flaues Gefühl im Bauch. Es war ein kühler Julimorgen auf der Ironbark Station. Obwohl eben erst die Sonne aufging, ging es bereits hoch her, da die Farmarbeiter alles für den grossen Viehtrieb in drei Tagen vorbereiteten. Geistesabwesend tätschelte Cate Elsies Flanke, ihre Gedanken ganz auf den vor ihr liegenden Tag gerichtet. Gestern Abend hatte ihr Vater ihr endlich die Erlaubnis gegeben, zum ersten Mal allein die zweisitzige Cessna 150 zu fliegen, die zum Inventar der Farm gehörte. Endlich würde ihr Traum wahr werden!

Seit Cate im Alter von drei Jahren zum ersten Mal neben ihrem Vater im Cockpit der Cessna gesessen hatte, sehnte sie sich danach, selbst das Steuer in der Hand zu halten. Mit zehn hatte sie verkündet, sie werde noch vor ihrem siebzehnten Geburtstag solo fliegen, und das war auch der Grund, warum es unbedingt heute sein musste. Ausserdem wollte sie es ihrem besten Freund Alfredo Cristelli zeigen, der auch auf der Farm arbeitete, und behauptet hatte, sie würde es sich nicht trauen. Heute war ihre letzte Chance - morgen war ihr siebzehnter Geburtstag. Allerdings stand dem Ganzen noch etwas im Weg, nämlich ihre so schöne wie manipulative Stiefmutter.

Seufzend schob Cate die braune Locke zurück unter das Kopftuch, mit dem sie ihre wilde Mähne gebändigt hatte. Zum Glück war es ihr gelungen, sich davonzustehlen, bevor Tahlia einen weiteren Riesenstreit wegen ihrer Fliegerei vom Zaun brechen konnte. Schliesslich hatte Cate ihrem Dad hoch und heilig versprochen, dass sich die Szene von gestern Abend nicht wiederholen würde. In Ermangelung eines besseren Plans wollte Cate sich deshalb nach dem Melken unbemerkt in die Speisekammer schleichen, die Milch in den Kühlschrank stellen und sich aus dem Staub machen, bevor Tahlia aufgestanden war.

Es war Trockenzeit, Winter in Top End, wie dieser Teil des Northern Territory genannt wurde. Nach der klaren Nacht war es noch recht kühl. Eine leichte Brise strich durch das dürre, strohgelbe Gras, und der Himmel, an dem sich die ersten Schäfchenwolken bildeten, war von einem makellosen Kobaltblau. Ironbark Station war berühmt für seine wunderschönen, sanftgesichtigen cremefarben bis bräunlichen Brahman-Rinder. Von der Provinzstadt Katherine aus waren sie mit dem Flugzeug in einem halben Tag zu erreichen, bis zur nächsten Farm waren es vierzig Kilometer. Rachel und Ken McCarthy, Cates Grosseltern mütterlicherseits, hatten die Farm gegründet und das elegante Gehöft mit seinen kühlen Veranden und dem von fünf riesigen hundertjährigen Eukalyptusbäumen geschützten kleinen Garten gebaut. Rund um den Hofraum breiteten Baobabs mit ihren flaschenförmigen Stämmen ihre Äste aus und spendeten weiteren wohltuenden Schatten. Ein staubiger Pfad schlängelte sich in ausladenden Kurven, als hätte ein Betrunkener ihn angelegt, an dem Wellblechhangar vorbei, weiter durch die rote Erde und das Gestrüpp, und verschwand schliesslich am Horizont.

Cates Zuhause war eine kleine, von geschäftigem Treiben erfüllte Oase, und sie konnte sich keinen schöneren Ort auf der Welt vorstellen. Vom nahe gelegenen Busch hörte man das schrille Gelächter der Kookaburras, und langhalsige Ibisse suchten auf der Koppel neben den Ziegen nach Futter. Der Duft von Steak und Eiern wehte durch die Morgenluft. Cate wechselte die Sitzposition, tastete nach dem Zitzenpaar am Bauch der Ziege und trällerte vor sich hin. Der fröhliche Trubel um sie herum lenkte sie vorübergehend von ihrem Problem - das darin bestand, Tahlia zu beschwichtigen - ab.

Cate, das einzige Kind von Brendan und Mary Perry, hatte in ihren ersten neun Lebensjahren nichts als Liebe und Geborgenheit erfahren. Ihre Eltern und Grosseltern hatten sie vergöttert und verwöhnt und ihr viele Freiheiten gelassen, während sie damit beschäftigt waren, Ironbark Station aufzubauen. Von frühester Kindheit an war Cate ihrem Vater bei der Arbeit zur Hand gegangen; von ihm hatte sie die Liebe zur Farm mit ihren Rinderbeständen. Von ihrer Mutter, einer ausgezeichneten Köchin, hatte Cate nicht nur gelernt, wie man einen Haushalt führt, sondern auch, worauf es bei der Gartenpflege und der Versorgung der Ziegen ankommt. Ausserdem hatte Mary eine angenehme Stimme und ermutigte Cate, die ihr darin nachkam, zum Singen.

So wurden die Liederabende am Lagerfeuer, zu denen ihre Nachbarn oft aus Hunderten von Kilometern Entfernung einflogen, ein geschätzter Bestandteil des sozialen Lebens. Es begann mit dem köstlichen Duft von brutzelnden Steaks und Grillwürsten und dem angeregten Stimmengewirr der Besucher in der spätnachmittäglichen Luft. Wenn es dunkel wurde, holten die Gäste ihre Instrumente hervor, und bald hallten die Lieder von Slim Dusty, SmoKea Dawson, der McKean Sisters und anderer beliebter australischer Countrymusiker durch die Nacht. Dazwischen wurden aus voller Kehle australische Volkslieder geschmettert. Brendan schrieb den Text von »The Road to Gundagai« um, ersetzte »Gundagai« durch »Ironbark«, und alle stimmten fröhlich ein: »There's a track winding back to an old-fashioned shack along the road to Ironbark! - Es führt ein Weg zurück zu einem alten Häuschen an der Strasse nach Ironbark.« Es dauerte nicht lang, bis das Lied zur Familienhymne wurde.

Diese glückliche und harmonische Zeit hatte sich tief in Cates Gedächtnis eingeprägt. Doch dann, kurz vor ihrem neunten Geburtstag, starben Rachel und Ken innerhalb von drei Monaten, und bald darauf wurde auch Mary krank. Die nächsten anderthalb Jahre musste Cate traurig und hilflos zusehen, wie ihre Mutter langsam dahinsiechte und wie das Lächeln aus Brendans Augen verschwand. Trotz aller Beteuerungen ihres Vaters glaubte sie in ihrer kindlichen Naivität, dass sie schuld an der Krankheit ihrer Mutter und an seiner Verzweiflung war.

Nach Marys Tod klammerten Cate und Brendan sich aneinander und versuchten, sich gegenseitig Kraft zu geben, während sie langsam in den Alltag zurückfanden. Wie sehr

sehnte sich Cate nach der Unbeschwertheit und dem Lachen, die ihre kleine Familie bis jetzt geprägt hatten. Zwei Jahre später lernte Brendan bei einem Viehzüchterkongress in den Whitsundays das atemberaubend schöne Mannequin Tahlia Shotton kennen. Der Glanz kehrte in seine Augen zurück, seine Schritte federten wieder, und sein Lachen hallte wie früher in den Mauern von Ironbark Station wider.

Als Brendan die viel jüngere Tahlia zur Frau nahm, war Cate fest entschlossen, mit ihrer neuen Stiefmutter zurechtzukommen, koste es, was es wolle. Deshalb belastete sie der gestrige Streit sehr, und sie hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil sie die Milch unbemerkt wegstellen und sich aus dem Staub machen wollte, bevor Tahlia Gelegenheit hatte, ihr weitere Arbeiten aufzutragen.

Heute. Nur heute. Ich mache es wiedergut bei Dad und auch bei Tahlia, sagte sie sich.

Bei der gestrigen Debatte war es nämlich um Cates Mithilfe im Haushalt gegangen. Immer wieder fand Tahlia einen Weg, Cate Schuldgefühle einzuimpfen und stets hackte sie auf ihren Fehlern herum. Cate räumte zwar ein, dass sie manchmal recht eigensinnig sein konnte, empfand die ständigen Klagen jedoch als ausgesprochen ungerecht. Mit der Hitze ihrer Jugend hatte sie deshalb laut protestiert, woraufhin Tahlia das Ganze zu einer dramatischen Szene genutzt hatte. Von Schluchzern geschüttelt, hatte sie behauptet, Cate hasse sie und lasse sie alle Arbeit allein machen. Dann hatte sie sich Brendan weinend in die Arme geworfen. Beinahe wäre Cate die Erlaubnis, heute allein zu fliegen, wieder los gewesen. Nur durch inständiges Bitten und Betteln und den Schwur, Tahlia nie wieder gegen sich aufzubringen, hatte Cate Brendan erweichen können. Allerdings war es ziemlich knapp ausgegangen.

Wie auf ein Stichwort war jetzt plötzlich vom Haus her Tahlias Stimme zu hören. »Cate! Beeil dich mit den Ziegen. Du musst mir helfen, die Wohnzimmervorhänge abzunehmen, damit sie gewaschen werden können. Heute machen wir Frühjahrsputz.« Sie war ungewöhnlich früh auf den Beinen und schien sich von ihrem gestrigen Weinkrampf erholt zu haben.

Cate brach mitten im Lied ab, und ihr Griff um die Zitze der Ziege wurde unwillkürlich fester, sodass das Tier nach ihr austrat. »Ruhig, Elsie«, sagte sie und rückte den Milcheimer zurecht.

»Cate! Bist du taub?«, rief Tahlia ungeduldig.

»Ich komme!«, antwortete Cate bemüht freundlich. »Blöde Kuh, warum kann sie nicht so lange schlafen wie sonst auch?«, fügte sie leise hinzu. Sie zwang sich zur Gelassenheit. Schliesslich hatte sie ihrem Dad versprochen, Tahlia zu unterstützen. Mit einem Wutausbruch war also niemandem gedient.

Cate war ein hübsches Mädchen. Sie hatte breite Schultern, war für ihr Alter ziemlich muskulös und hatte grosse blaue Augen, volle Lippen und eine leicht sonnengebräunte Haut, die ihrem markanten Gesicht eine aparte Schönheit verliehen. Allerdings wirkte sie mit ihrer kastanienbraunen Lockenmähne heute eher wie ein gereiztes Wildpferd als wie eine gut aussehende junge Frau. Sie war angespannt und fürchtete sich mehr vor dem heutigen Flug, als sie es sich selbst eingestehen wollte.  

© Verlagsgruppe Weltbild  

Übersetzung: Karin Dufner