Anne McCullagh Rennie

'Inspiring, uplifting, internationally best-selling author'

 

 

Das Lied der Honigvögel

von Anne McCullagh Rennie

Leseprobe

Das neu geborene Fohlen saugte zufrieden an den Zitzen seiner Mutter. Eigentlich hätte die vierzehnjährige Lizzy Foster, die gerade einen Blick in den Stall warf, vor Glück zerspringen sollen, denn schließlich waren Pferde und Singen die beiden wichtigsten Dinge in ihrem Leben.

Vor drei Wochen hatte sie die Hauptrolle in dem Musical bekommen, das an dem katholischen Internat, das sie besuchte, zum Jahresabschluss aufgeführt werden würde. Und nun war, während Lizzy das Wochenende auf Kinmalley verbrachte, der Weizen- und Schaffarm ihrer Familie in den Darling Downs in Queensland, dieses vollkommene kleine Geschöpf zur Welt gekommen. Dennoch gab es nur einen einzigen Gedanken, der Lizzy an diesem kühlen frühen Septembermorgen beschäftigte, nämlich, dass sie ihrem Vater auf keinen Fall von ihrer Gesangsrolle erzählen durfte.

Die große Scheune war vom Geruch nach frischem Heu erfüllt. Neben Lizzy wartete geduldig, gesattelt und gestriegelt Woeful, die zwölfjährige Stute; sie knabberte hin und wieder an der Schulter ihrer Herrin und pustete ihr von hinten in das T-Shirt. In der nächsten Box konnte Lizzy hören, wie ihre beste Freundin Marcia Pearce, die über das Wochenende zu Besuch war, den Eingangschor von »Oklahoma!« summte und dabei unter Geklapper Misty sattelte. Marcias Eltern waren die Besitzer von Four Pines, einer etwa eine Autostunde entfernt gelegenen Schaffarm.

Für gewöhnlich freute sich Lizzy darauf, die Pferde zu bewegen und Stille auszumisten, doch heute spiegelten sich Sorgen in ihren dunklen Augen. Mit einem tiefen Seufzer spielte sie an dem Silbermedaillon herum, das sie um den Hals trug und das ihr Vater ihr zum sechsten Geburtstag geschenkt hatte. Sie drehte sich um, lehnte die Wange an Woefuls warmes braunes Fell und überlegte, wie sie sich nur wieder aus der Klemme befreien könnte, in die sie sich selbst hineinmanövriert hatte.

Es war wirklich eine Katastrophe. Niemals hätte sie die Rolle annehmen dürfen, und es war Wahnsinn gewesen, sich selbst weismachen zu wollen, sie könne ihren Vater überzeugen, wenn sie bis nach der Generalprobe wartete. Das Schlimmste dabei war nicht, dass Lizzy die Rolle überhaupt angenommen hatte. Dan Foster glaubte nämlich, dass seine Tochter in einem Gottesdienst singen würde. Es war schon schwer genug gewesen, ihm überhaupt die Erlaubnis zum Singen abzuringen. Wenn er herausfand, dass Lizzy ihn getäuscht hatte, würde er sich von seinem irischen Temperament womöglich sogar dazu hinreißen lassen, sie von der Schule zu nehmen.

Lizzy versuchte, nicht auf ihr flaues Gefühl im Magen zu achten. Wie ihr klar war, würde sie nicht darum herumkommen, ihm zu beichten, dass sie in einem Musical mitspielte - und das, obwohl er die bunten Farben, das Tanzen und den Trubel verabscheute, die damit einhergingen. Früher einmal hatte auch er diese Dinge geliebt. Wie sollte sie ihm nur begreiflich machen, dass sie einfach nicht hatte ablehnen können, als die Hauptdarstellerin ausgefallen war und die gute Schwester Angelica ihr die Rolle mit so überschwänglicher Begeisterung angetragen hatte?

Zu allem Überfluss hatte sie die vergangenen drei Wochenenden bei Marcia verbracht, um ihr Treiben zu verheimlichen. Sie hatte die wundervollen, gestohlenen Stunden genossen, sich im Zauber der Musik verloren, sich einfach treiben lassen und dabei überlegt, wie sie ihren Vater überzeugen könnte.

Eigentlich wäre am gestrigen Abend der richtige Zeitpunkt gewesen. Sie hatten gemütlich mit den »Jungs« - Lizzys zweiundzwanzigjährigem Cousin Bob und Ken, dem achtunddreißigjährigen Rodeoreiter und Mädchen für alles, der ihr Woeful geschenkt hatte - auf der großen Veranda zusammengesessen. Dan Foster war so gut gelaunt gewesen wie schon lange nicht mehr. Ausgestreckt neben ihm lagen seine fleißigen Hunde, Ned und der sechs Monate alte Gyp. Nachdem Dan einen großen Schluck aus der Bierflasche genommen hatte, kraulte er Ned den Bauch und verkündete, dass endlich die Rekordernte fast völlig eingebracht sei. Am nächsten Tag würden sie fertig sein und den WeiZen wohlbehalten in Silos in der Stadt verstaut haben. Wieder einmal seien sie den vorhergesagten Unwettern zuvorgekommen.

Der Abend versprach sehr angenehm zu werden, und da sie sich von Marcia Unterstützung versprach, hatte sich Lizzy wirklich Chancen ausgerechnet. Doch dann kam die Geburt des Fohlens dazwischen, und die günstige Gelegenheit war vorbei gewesen.

Die Natur hatte es gut mit Lizzy Foster gemeint. In ihrem pechschwarzen Haar schimmerten Lichtfunken. Üppige dunkle Wimpern umrahmten große, mandelförmige Augen, und sie hatte hohe Wangenknochen und einen breiten Mund. Obwohl die meisten Leute meinten, dass an ihr ein Junge verloren gegangen sei, verbarg sich hinter ihrer burschikosen Art eine sinnliche junge Frau. Lizzy musste zwar noch etwas Babyspeck verlieren, doch an ihren wohlgerundeten Formen ließ sich bereits erkennen, dass sie einmal eine Schönheit werden würde. Ihre glatte Haut wurde in der Sonne tiefbraun, und ihre anmutigen Bewegungen und ihre Musikalität - beides geerbt von ihrer polynesischen Großmutter - verliehen ihr eine geheimnisvolle Anziehungskraft. Da sich in ihr Leidenschaft und kühle Berechnung paarten, wusste sie, dass der einzige Ausweg aus ihrer momentanen Lage war, wenn sie sich beruhigte, sich mit ihrer Situation abfand und auf Zeit spielte. Sie hatte Bühnenluft geschnuppert. Das war zumindest schon einmal ein Anfang.

Lizzy war acht Jahre alt gewesen, als ihre Mutter die Familie verließ. Sie wusste noch, dass es an einem Mittwoch geschah. Dunkel erinnerte sie sich an den düster-attraktiven Mann, der mit einer reisenden Theatergruppe in die Stadt gekommen war und ihren Vater sehr wütend gemacht hatte. Früher hatte Dad Lizzy und ihrer Mutter gern beim Singen zugehört.

Die Liebe zur Bühne hatte Lizzy von ihrer Mutter, die ihr auch von glamourösen Inszenierungen in fernen Städten erzählte. Nie hörte sie auf, davon zu träumen. Sie erklärte Lizzy, ihre Großmutter wäre eine polynesische Prinzessin gewesen, die davongelaufen sei, um Sängerin zu werden. Die Musik liege ihnen eben im Blut.

© Weltbild

Deutsch von Karin Dufner

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