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Die
siebzehnjährige Kylie Harris wusste genau, dass die Zeit eigentlich nicht
mehr für eine weitere Abfahrt reichte, bevor an diesem klarkalten
Wintermorgen der Schulbus kam. Außerdem würde ihre Mutter ihr sicher
verbieten, morgen am Lyrebird Cup teilzunehmen - einem Skirennen, das
Kylie unbedingt gewinnen wollte -, wenn sie hörte, dass ihre Tochter zu
den Jahresabschlussprüfungen zu spät gekommen war. Doch Kylie konnte
einfach nicht anders. Dreimal war sie nun schon an Murphy's Turn, der
letzten scharfen Kurve der Strecke, gestürzt. Sie musste einfach noch üben.
Gerade
lugte die Sonne über die schneebedeckten Gipfel von Victorias Snowy
Mountains, als Kylie, mit Skiern, Stöcken und Schultasche bewaffnet, aus
dem Umkleideraum der Sunburst Lodge schlich. Zitternd schloss sie den Reißverschluss
ihrer lila und weiß gemusterten Skijacke, eines Erbstücks ihrer älteren
Schwester Gwyneth. Dann zupfte sie die eng anliegende schwarze Skihose
zurecht, auf die sie sechs Monate lang gespart hatte und die ihre Mutter
viel zu gewagt fand, und machte sich mit leise knirschenden Schritten auf
den Weg die Straße hinunter. Mit schuldbewusst klopfendem Herzen
schnallte sie die Skier an, schlüpfte in ihre Handschuhe, stülpte das
Stirnband über ihren wilden, leuchtend roten Lockenschopf und schulterte
die Schultasche. Dann vergewisserte sie sich mit einem raschen Blick rückwärts,
dass alle im Haus noch schliefen, griff nach ihren Skistöcken und machte
sich auf den Weg zum Sessellift, der sie den Koala Bowl hinauf zur Piste
bringen würde.
Mit
zwei Jahren hatte Kylie zum ersten Mal auf Skiern gestanden, doch ihre
wahre Leidenschaft für diesen Sport hatte sich erst gezeigt, als Geoff
und Susan Harris vor acht Jahren die Sunburst Lodge im Herzen des
Skigebiets Lyrebird Falls gekauft hatten. Angefeuert von ihren Eltern,
beide selbst gute Skifahrer, hatte sie ihr Naturtalent entdeckt und rasch
die ersten Preise gewonnen. Der prestigeträchtige Lyrebird Cup war die
einzige Trophäe ihrer Altersklasse, die Kylie noch nicht im Regal stehen
hatte.
Dieses
Jahr war ihre letzte Gelegenheit, sich an diesem Wettkampf zu beteiligen,
und sie war überzeugt, dass dieser international anerkannte Preis ihr die
Türen zu den besten ausländischen Skikaderschmieden öffnen würde.
Sobald sie genug Geld für das Flugticket gespart hatte, wollte sie sich
bewerben. Für die begeisterungsfähige Kylie, die keine falsche Scheu
kannte, bedeutete der Lyrebird Cup den ersten Schritt hin zur
Verwirklichung ihres Traums, einmal als Skilehrerin die Reichen und Berühmten
zu unterrichten.
Als
Kylie den Sessellift erreichte, hatte sie sich erfolgreich eingeredet,
dass es ihr gelingen würde, ihren Dad um den Finger zu wickeln, falls es
wirklich zum Schlimmsten kam und sie den Bus verpasste. Sie hatte nicht
nur die Abenteuerlust und die Furchtlosigkeit auf der Piste von ihm geerbt,
sondern wusste auch, wie stolz er auf ihre Leistungen im Skisport war. Dad
verstand, wie viel es ihr bedeutete, den Lyrebird Cup zu gewinnen. Außerdem
hatte sie von ihm gelernt, dass man im Leben manchmal auch ein Risiko
eingehen musste. Und heute war eben so ein Tag.
In
letzter Zeit war ihre Mutter ohnehin viel zu sehr mit den Vorbereitungen für
Gwyneths Hochzeit beschäftigt, um zu bemerken, was Kylie trieb. Gestern
Abend zum Beispiel war über nichts anderes gesprochen worden. Während
ihr Dad überlegte, wo man die vielen Autos der Gäste unterbringen sollte,
hatten Gwyn und Susan die Feier so lange in sämtlichen langweiligen
Einzelheiten durchgekaut, bis Kylie am liebsten losgeschrien hätte, denn
Spaß und Romantik würden bei dieser Hochzeit offenbar auf der Strecke
bleiben.
Aber
sie hatte geschwiegen, weil sie ihrer Schwester den großen Tag nicht
verderben wollte. Zudem hatte sie gehofft, dass es über der Erörterung
der Hochzeitspläne sehr spät werden würde. Wenn am nächsten Morgen
alle tief und fest schliefen, würde nämlich niemand bemerken, dass sie
sich vor der Schule aus dem Haus schlich. Als sie sich vorhin am
Schlafzimmer ihrer Eltern vorbeigepirscht hatte, war kein Mucks zu hören
gewesen. Tom Wickham, der Skiliftmechaniker, war schon auf den Beinen, um
die Lifts wie jeden Tag auf Eisablagerungen und technische Probleme zu
untersuchen. Er begrüßte Kylie mit einem fröhlichen Grinsen.
»Ein
bisschen früh, um die Milchkannen einzusammeln«, meinte er lachend.
»Ich
weiß. Ich habe nur gehofft ... Bitte, Tom, darf ich jetzt gleich
rauffahren? Ich möchte noch einmal auf der Slalomstrecke trainieren und
weiß wegen der Prüfungen nicht, ob ich es heute Nachmittag noch schaffe.«
Sie schenkte ihm einen schmachtenden Blick aus grünen Augen.
Tom
überlegte. Er wusste, wie verzweifelt Kylie den Lyrebird Cup gewinnen
wollte.
»Also
los«, erwiderte er schmunzelnd.
Er
gab seinen Kollegen oben am Gipfel per Funk Bescheid und drückte dann auf
einen Knopf, sodass sich die Gondeln langsam in Bewegung setzten.
»Sei
aber vorsichtig da oben. Die Piste ist ziemlich vereist.« »Du bist der
Größte!«, rief Kylie lächelnd aus.
Rasch
nahm sie ihre Schultasche ab und reichte sie Tom mit dankbarer Miene. Dann
glitt sie auf Skiern durch die Schranke und nahm im Sessellift Platz.
»Das
werde ich dir nie vergessen«, sagte sie, während sie den Sicherheitsbügel
vorlegte.
Kylies
schlechtes Gewissen war wie weggeblasen, und Begeisterung ergriff sie, als
der Sessellift sie rasch den Berghang hinauftrug. Der Weg zum Gipfel
dauerte zehn Minuten.
Wenn
sie sofort losfuhr, würde sie die Abfahrt zweimal zurücklegen können
und den Schulbus trotzdem noch erwischen. Wie immer von Ehrfurcht
ergriffen, ließ sie die Schönheit der schneebedeckten Berge auf sich
wirken.
Unter
ihr kam die große Bergstation von Lyrebird Falls in Sicht. Die Skiständer
waren noch leer, die Gebäude lagen schweigend da. Auf der anderen Seite
erkannte sie die verkrüppelten Eukalyptusbäume, die, in zarten Dunst gehüllt
und die gefrorenen Äste von einer dünnen Schneeschicht überzuckert, die
breiten Pisten säumten. Sie warfen lange blaue Schattenfinger über die
jungfräulichen Pisten, wo nur hin und wieder ein Felsbrocken durch die
Schneedecke ragte. Unten am Hang standen Schneekanonen bereit, um auf
Knopfdruck Schneefontänen zu produzieren.
Kylies
Augen funkelten vor Vorfreude, als der Sessellift den Gipfel erreichte.
Hier war der Schnee in die rosigen Strahlen der ersten Morgensonne
getaucht, und der Zauber von Lyrebird Falls war überall zu spüren: das
Schweigen, die Einsamkeit, die frische Brise, die ihr die Wangen rötete,
und die Herausforderung, welche die Piste für sie bedeutete.
Nachdem
Kylie ihre Skibrille aufgesetzt hatte, glitt sie hinüber zum Koala Bowl,
wo die Slalomstrecke begann. Die Piste war windgeschützt, wurde den größten
Teil des Tages über von der Sonne beschienen und bedeutete gleichzeitig
ein Vergnügen und eine Herausforderung, da sich hier häufig Eisplatten
bildeten, wenn der angetaute Schnee nachts wieder gefror. Heute war die
Piste ausgesprochen gut gepflegt, allerdings nach der kalten Nacht mit
einer gefrorenen Kruste bedeckt und von vereisten Stellen durchzogen.
Ein
junger Mann, der die lila und grüne Uniform der Pistenmitarbeiter trug,
war gerade dabei, Slalomstangen einzustecken, und winkte Kylie zu. Sie
erwiderte den Gruß und fuhr hinüber zum Start, einem aufgeschütteten
Schneehügel. Oben am steilen Hang stehend, blickte sie den Berg hinunter,
und ihr Herz begann zu schlagen. Dann stellte sie die Stoppuhr ein und
fuhr los. Mit gebeugten Knien und parallel stehenden Skiern raste sie im
Zickzackkurs den Hang hinab und hinterließ dabei die erste Spur des Tages
im Schnee. Sie wurde schneller, grub beim Fahren die Kanten in den Hang
und genoss den Rausch von Rhythmus und Geschwindigkeit.
Die
ersten beiden Kurven bedeuteten keine Schwierigkeit, und der Schnee lag
knirschend und fest unter ihren Skiern. Bei der nächsten Kurve jedoch hätte
sie fast das Gleichgewicht verloren, da die Skier auf einer Eisplatte ins
Rutschen gerieten. Erschrocken nahm sie die nächste Kurve ein wenig
langsamer, legte dann eine steile, aber ziemlich einfache Strecke auf
einem breiteren Stück Piste zurück, überwand mühelos die folgende
Kurve und steuerte dann auf Murphy's Turn zu.
Kylie
zwang sich zur Ruhe, als sie ihre Strategie noch einmal in Gedanken
durchging, das Gewicht verlagerte und die Knie tiefer beugte. Fast hatte
sie es geschafft. Ihr Herz klopfte vor Begeisterung, und all ihre
Aufmerksamkeit galt der Strecke. Diesmal würde es klappen! Gerade als sie
schon dachte, die heikle Kurve überwunden zu haben, spürte sie, wie ihr
der äußere Ski wegrutschte und sie das Gleichgewicht verlor. Kylie
kippte zur Seite, schlitterte über die vereiste Fläche und verlor den
linken Ski. In beängstigender Geschwindigkeit rutschte sie bergab.
Verzweifelt versuchte sie, sich an den Aufschüttungen am Pistenrand
festzuhalten. Doch ihre behandschuhten Hände griffen ins Leere, als sie
schneller und schneller die Piste hinabglitt. Auch der zweite Ski wurde
ihr vom Stiefel gerissen, und die Skistöcke rissen ihr im Fallen von den
Handgelenken.
Kylie
wurde von Panik ergriffen; sie konnte nichts tun, um ihrer rasenden Fahrt
Einhalt zu gebieten. Eine schiere Ewigkeit purzelte sie den Berg hinunter.
Dann endlich wurde der Schnee weicher. Gerade war ihr klar geworden, dass
sie nun doch nicht würde sterben müssen, als sie in einen gewaltigen
Schneehaufen geschleudert wurde und den Stamm eines hohen Eukalyptusbaums
nur knapp verfehlte. Ein stechender Schmerz fuhr ihr durchs rechte Knie.
Eine
Weile lag sie, reglos und zitternd vor Erleichterung, da. Sie versuchte
vorsichtig aufzustehen, musste sich aber wegen der Schmerzen sofort wieder
unfreiwillig hinsetzen. Sie rieb sich das Knie und unternahm einen zweiten
Anlauf. Diesmal tat es nicht ganz so weh. Kylie drängte die Tränen der
Wut und Enttäuschung zurück und klopfte sich den Schnee von der Jacke.
Dann blickte sie den Hang hinauf. Ihre Skier und Stöcke waren als dunkle
Flecke auf der Piste zu erkennen.
Langsam
und unter Schmerzen trottete sie den Berg hinauf, um ihre Ausrüstung
einzusammeln, und wischte sich dabei immer wieder die Tränen weg. Wenn
sie morgen auch so miserabel fuhr, brauchte sie gar nicht erst anzutreten
- sofern sie überhaupt fahren konnte! Sie hätte sich ohrfeigen können,
als sie wieder die Skier umschnallte und nach den Stöcken griff. Nach dem
Sturz steckte ihr der Schreck noch in den Gliedern.
Noch
nie hatte Kylie sich so hilflos gefühlt; ihr Selbstbewusstsein hatte
einen herben Schlag erlitten. Vorsichtig fuhr sie zwischen den Bäumen
hindurch zurück zum Sessellift. Sie fragte sich, ob sie die Strecke überhaupt
ein zweites Mal fahren wollte. Wenigstens liegen die Schmerzen in ihrem
Knie allmählich nach. Als sie bemerkte, dass die Zeit allmählich knapp
wurde, beschleunigte sie und fuhr weiter, das Gewicht auf das unversehrte
Knie verlagert. Die Bäume warfen bläuliche Schatten in den Schnee und
die sand- und orangefarbene Rinde der knorrigen Aste schien ihr zuzuwinken.
Gerade
setzte sie zur letzten Abfahrt an, als ein anderer Skifahrer, eine
Schneewolke aufwirbelnd, von der Seite herangeschossen kam. Fast wäre er
ihr über die Skier gefahren, und Kylie staubte der Schnee ins Gesicht.
»Pass
doch auf, du Idiot! «, schrie sie und wich ihm aus.
© Weltbild
Deutsch von Karin Dufner
http://www.weltbild.de/artikel.php?PUBLICAID=b8c1f60dd023b7d261001adb2786a7e2&artikelnummer=782350&mode=art
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