Anne McCullagh Rennie

'Inspiring, uplifting, internationally best-selling author'

 

 

Weites Land der Träume

von Anne McCullagh Rennie

Leseprobe

Sei kühn. wage es zu träumen. 

Denn die Träume von heute sind die Wirklichkeit von morgen.

 

TEIL 1

Kapital eins

Alice Ferguson wünschte sich, der heutige Tag möge niemals enden. Der 23. Februar 1952 war der schönste Tag in ihrem bisherigen achtjährigen Leben, und als sie aus dem Schulbus stieg, quoll ihr Herz förmlich über vor Glück. Sie hielt das braune Papierpäckchen so fest vor die Brust gedrückt, dass sich ihre Knöchel weiß verfärbten. Heute war ihr Traum wahr geworden, denn nun hatte sie alles erreicht, was sie sich immer gewünscht hatte. Sie konnte es kaum erwarten, das frohe Gesicht ihrer Mutter zu sehen. Kurz blieb sie stehen, damit ihr fünfjähriger Bruder Ben sie einholen konnte, bevor sie ihren Weg über die holperige Staubpiste nach Hause zu der winzigen Farm im fruchtbaren Ackerland von Victoria fortsetzten.

Trotz der Hitze schritt Alice rasch aus. Aus ihrem zarten herzförmigen Gesicht leuchteten riesige, strahlend blaue Augen, die sich von ihrem hellen irischen Teint abhoben. Da sie die Freude über ihr Glück unbedingt mitteilen musste, streckte sie das kostbare Päckchen auf Armeslänge von sich und rief in den Wind hinein:

»Danke, Mum, danke, danke, danke Mit diesen Worten wirbelte sie einmal um die eigene Achse und drückte einen Kuss auf das Einwickelpapier. Das Geschenk, das Alice so glücklich machte, war ein Buch, und zwar nicht irgendeines, sondern das erste, das sie jemals besessen hatte. Und heute hatte sie es als Nachwuchstalent in dem angesehenen Schülerwettbewerb gewonnen.

Ihre Mutter hatte verstanden, wie sehr Alice sich dieses Buch wünschte und was es für sie bedeutete. Noch nie zuvor hatte sie ein eigenes Buch besessen und sich ihren bisherigen Lesestoff stets vom Bücherbus ausgeliehen, der regelmäßig vorbeikam.

Ihrer Mutter verdankte sie die Entschlossenheit und den Mut, sich trotz ihrer altersmäßigen Unterlegenheit und der Hänseleien der größeren Kinder, die nicht so klug waren wie sie, der Herausforderung zu stellen.

»Lass dich nicht unterkriegen«, pflegte ihre Mutter immer zu sagen. »Wissen ist das Tor zu Wohlstand und Macht, und du hast genauso ein Recht darauf wie all die anderen. Du wirst nur manchmal darum kämpfen müssen

Selbst um halb vier Uhr nachmittags stiegen die Temperaturen noch, und der heiße trockene Westwind, der sich bei Morgengrauen erhoben hatte, machte keine Anstalten sich wieder zu legen. Obwohl der Heimweg wegen des kräftig wehenden Gegenwinds ziemlich anstrengend war, wollte Alice sich den glücklichen Tag nicht vom Wetter verderben lassen. Ein vertrauter Geruch nach warmem Holz stieg ihr in die Nase, als sie, vergnügt und in Tagträume versunken, weitertrottete. Nur hin und wieder warf sie einen Blick auf Ben, um sich zu vergewissern, dass er ihr noch folgte. Auf beiden Seiten des Wegs bog sich das dürre Gras in der starken Brise. Schafe und Rinder drängten sich auf wenigen schattigen Fleckchen. Seit über vier Monaten hatte es keinen nennenswerten Regen gegeben, und alles war knochentrocken. In der Ferne zeichnete sich dichter Busch in der dunstigen Hitze ab; dahinter lag ihre Farm.

In den nächsten zwanzig Minuten setzten die beiden Kinder schweigend ihren Weg fort. Staub wehte ihnen in die zusammengekniffenen Augen, und es wurde immer heißer. »Wer zuerst am Busch ist, rief Ben plötzlich, rannte an Alice vorbei und zupfte sie beim Laufen an einem ihrer dicken rabenschwarzen Zöpfe.

Alice, die sich zu spät weggeduckt hatte, schob das rosafarbene Band, das sich gelöst hatte und ihr über den Mund gerutscht war, aus dem Gesicht. Heute würde ihr geliebter Dad wieder nach Hause kommen. Obwohl er ihr so viele Haarbänder kaufen würde, wie sie nur wollte, würde er mit dem Buch sicher nicht einverstanden sein und auch nicht verstehen, wie viel ihr der Preis bedeutete. In seinen Augen waren Frauen nämlich dazu da, zu kochen, die Männer zu bedienen und Kinder großzuziehen. Selbst in seinen kühnsten Träumen wäre es ihrem Vater nie eingefallen, dass eine Frau auch ein Recht auf Selbstständigkeit hatte.

Alice schickte Ben ein nachsichtiges Lächeln hinterher. Heute würde sie ihn gewinnen lassen, denn nichts auf der Welt konnte ihre Hochstimmung trüben. Doch in letzter Minute beschloss sie, sich trotzdem an dem Wettlauf zu beteiligen, und die beiden Kinder erreichten keuchend und mit geröteten Gesichtern den Busch.

Trotz des dichten Blätterdachs der grauen Gummibäume war es hier nur unwesentlich kühler. Aber wenigstens hatte der Wind nachgelassen, und die Luft war nicht mehr so bewegt. Auch hier war das Unterholz braun und ausgedörrt, und der Boden war von der Hitze ganz brüchig. Der sonst so angenehme Eukalyptusduft war jetzt drückend schwer. Als die beiden Geschwister das letzte Stück Weg zurücklegten, schien die Welt um sie herum förmlich zu knistern. Alice, der unheimlich zumute wurde, ging schneller und trieb Ben zur Eile an.

»Ich habe Durst«, jammerte Ben.

»Ich auch«, erwiderte Alice, die die körperliche Anstrengung schon bereute. Sie rückte den Tornister auf ihrem schmalen Rücken zurecht, blieb plötzlich stehen und lauschte. Im Busch war es still geworden.

»Die Vögel singen nicht mehr, Ben Ihre Stimme klang in dem Schweigen unnatürlich laut. Kein Blatt regte sich. Zwischen den Bäumen leuchtete ein unheimliches gelbes Licht am Himmel. Die trockene Luft war wie elektrisiert.

»Schnell, wir müssen nach Hause«, drängte Alice und ging rasch weiter. Als sie sich noch einmal umschaute, weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen. Ben, der ihre Angst spürte, folgte ihrem Blick. Während sie noch hinsahen, wurde die Rauchsäule immer dicker.

Alice brauchte nichts mehr zu sagen. Kinder, die im Busch aufwuchsen, lernten von Geburt an, wie sie sich in einem solchen Notfall verhalten mussten, und Buschfeuer waren nun einmal ein Teil ihres Lebens. Erst letzte Woche hatten Alice,

Ben und ihr zweijähriger Bruder Timmy die Feuerübung absolviert, die sie auf Beharren ihrer Mutter alle drei Monate wiederholen mussten.

»Ich will sicher sein, dass euch nichts passiert, denn schließlich könnte auch ein Buschfeuer ausbrechen, wenn ich einmal nicht zu Hause bin«, hatte Mutter verkündet. Alice hatte es beim bloßen Gedanken das Herz zusammengeschnürt.

Also hatten sie so getan, als ob wirklich ein Feuer ausgebrochen wäre. Sie waren durchs Haus geeilt, hatten alle Türen und Fenster geschlossen und die Ritzen mit feuchten Handtüchern verstopft. Dann hatten sie Eimer mit Wasser gefüllt und sie an verschiedenen Stellen verteilt. Wie hatten sie gelacht, als der kleine Timmy, einem weißen Gespenst gleich und in ein riesiges nasses Handtuch gehüllt, in der Küchentür stand, sodass das Wasser auf den Schieferboden tropfte. Mutter hatte den kleinen Jungen auf den Arm genommen und alle mit einem freundlichen Lächeln und liebevoll, allerdings mit Nachdruck, daran erinnert, dass es sich um einen echten Notfall handelte.

Gemeinsam waren sie ihr ins kühle Badezimmer gefolgt, wo sie sich kichernd unter zwei riesige Handtücher und umgeben von Wassereimern in die alte emaillierte Badewanne hockten. Die Augen vor Aufregung weit aufgerissen, kauerte der kleine Timmy auf dem Knie seiner Mutter und zupfte mit seinen Händchen an dem Handtuch über ihren Köpfen, während Ben auf Alices Schoß herumzappelte. Alice hatte an dem dichten schwarzen Haar ihrer Mutter herumgespielt, das so sehr ihrem eigenen ähnelte, und gesehen, wie ihre blauen Augen vor Liebe überflossen. Sie hatten gelauscht, während

Mutter ihnen die Verhaltensregeln bei einem Buschfeuer aufzählte, und ihre Worte hatten sich in Alices Gedächtnis ein gebrannt. »Denkt immer daran, zuerst ins Haus zu gehen. Bei einem Buschfeuer brennt das Haus zuletzt und ist deshalb der sicherste Zufluchtsort. Erst wenn das Haus Feuer fängt, dürft ihr nach draußen, und haltet euch immer dort auf, wo der Boden bereits abgebrannt ist

Nachdem sie alles noch einmal geübt hatten, waren sie endlich wieder hinaus in den Sonnenschein gelaufen und hatten Brot mit wildem Honig gegessen und dazu köstliche hausgemachte Limonade getrunken.

Doch obwohl Alice bestens Bescheid wusste, spürte sie, wie sie der Mut verließ. Sie beschleunigte ihren Schritt. Mit einem Blick auf Ben, der neben ihr hereilte, betete Alice, ihre Mutter möge inzwischen vom Arzt zurück sein: Timmy war nun schon zum dritten Mal an einer Mandelentzündung erkrankt, und Mutter hatte sie vorgewarnt, es könne ein wenig später werden.

Plötzlich erfasste ein Windstoß Bens Kappe und wehte sie ins Unterholz. Ohne nachzudenken, lief der kleine Junge seiner Kopfbedeckung nach. Im selben Moment zerriss ein fürchterlicher Knall die Luft, sodass die beiden Kinder vor Schreck einen Satz machten. Dicht neben Ben brach eine winzige Flamme aus dem trockenen Gebüsch. Im nächsten Augenblick züngelte eine zweite und dann eine dritte empor, die jedoch rasch wieder erstarb.

Deutsch von Karin Dufner

© Verlagsgruppe Weltbild

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